
Wer heutzutage in verschiedenen Winkeln der Welt auf Schamanen stößt, wird mit einer synkretistischen Vielfalt, das heißt einer mannigfaltigen Verschmelzung mehrerer Religionen mit schamanischen Praktiken und weltanschaulichen Auffassungen konfrontiert.
Indianer und Mestizos im Amazonasgebiet von Peru und Kolumbien rufen bei Ayahuasca-Zeremonien[1] katholische Heilige an und Bildnisse von Maria und Jesus zieren die Wände ihrer Ritualhütten. In Brasilien berufen sich kirchlich-hierarchisch organisierte Ayahuascagemeinschaften auf afrikanische Götter und katholische Heilige. In Korea sind auf den Altären der Mudangs (wie die Schamaninnen dort genannt werden) Bildnisse konfuzianischer Generäle versammelt. In Asien schlüpfen bekennende Buddhisten abends in ihre Schamanengewänder. In Nepal und Indien rufen sie das hinduistische Götterpaar Shiva und Parvati an, wenn sie zur Schamanentrommel greifen. In mongolischen Jurten besinnt man sich allmählich auf Überreste tradierter schamanischer Traditionen, die mehr als fünfzig Jahre unter dem kommunistischen Emblem von Hammer und Sichel verkümmerten. Tibetreisende entdecken schamanische Wurzeln in den letzten überlebenden Bönklöstern. Neo-Schamanen berufen sich auf den großen Geist von Manitou oder auf Jesus als Urschamanen.
Was läge also näher als die Vermutung, der Schamanismus sei weltweit ursächlich mit religiösen Praktiken, Glaubensmodellen und Ritualen verquickt? Doch dieser kurz skizzierten Bestandsaufnahme zum Trotz trügt der Schein bei näherer historischer und ethnographischer Bestandsaufnahme.
Zwangschristianisierung
In Südamerika konnten sich bis heute nur wenige, sehr abgelegen lebende indianische Kulturen der Zwangschristianisierung als Folge der Conquista entziehen. Zum schieren Überleben adoptierte die überwiegende Mehrheit den christlichen Glauben. Manche schworen gänzlich ihren überlieferten Traditionen und mythischen Vorstellungen ab und begaben sich in den Schoß der christlichen Kirchen. Andere umgaben zum Schutz das, was ihnen zuvor heilig war, mit einer christlichen Patina, passten ihre Rituale dem christlichen Modell an und lernten, ihre alten Göttinnen und Götter mit dem Namen katholischer Heiliger anzurufen.
Die Völker Asiens erlitten im Laufe der Geschichte eine ähnliche Unterwerfung unter die jeweils herrschende Doktrin und passten ihre schamanischen Rituale gleichermaßen an; an den Konfuzianismus, den Buddhismus oder bis in jüngste Zeit den Kommunismus.
In Europa sorgte die frühe Neuzeit – und nicht etwa das dafür immer wieder zitierte sogenannte „düstere Mittelalter“, das im Gegensatz dazu von einer heiteren Unbeschwertheit gekennzeichnet war – dafür, dass unsere Ahnen überlieferten schamanischen Traditionen im Zeichen der Hexenverfolgung und Inquisition abschworen. Wem ist heutzutage noch bewußt, dass die Völker Europas seit dem 6. nachchristlichen Jahrhundert ein ähnliches Schicksal erlitten, wie die Völker Asiens, Südamerikas und die nordamerikanischen Indianer? Wer weiß schon, dass in unseren Breitengraden schamanische Praktiken spätestens seit dem 15. und 16. Jahrhundert mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden?
Der mannigfaltige, historisch begründete Überlebenskampf und der Zwang zur Anpassung an veränderte Bedingungen führte zur Anpassung schamanischer Rituale an die jeweils dominante Religion und Weltanschauung.
Religio – Gottesfurcht
Dennoch ist der Schamanismus überall dort, wo er bis heute überlebte, keineswegs eine religiös begründete Praktik oder mit religiösen Vorstellungen gleichzusetzen!
Der Begriff „Religion“ leitet sich etymologisch im frühen Neuhochdeutsch aus dem Lateinischen „religio“ ab, das „Gottesfurcht“ bedeutet.
Die Vorstellung eines einzig wahren, männlichen, allmächtigen Gottes, der nur Gutes bewirkt, ist schamanischen Gesellschaften aus mehreren Gründen fremd. Sie fürchten keinen Gott, sondern begründen die Herkunft alles Lebendigen mythologisch durch die Vereinigung männlicher und weiblicher Prinzipien. Ebenso wesensfremd ist ihnen unsere westlich-christlich begründete dualistische und lineare Weltsicht, die natürliche Lebensprozesse in Gut und Böse, Richtig und Falsch, Gesund und Krank einteilt und linear vom Gedanken des Fortschritts geprägt ist, der eine Entwicklung vom Primitiven zum Fortschrittlichen voraussetzt.
Schamanische Gesellschaften beziehen sich auf einen zyklischen Gang der Dinge, der auf einer empirischen Beobachtung der Natur beruht, wonach alles Lebendige universal gültigen Prozessen von Werden und Vergehen unterworfen ist und kein Wert von absoluter sondern vielmehr von relativer Gültigkeit ist. So können beispielsweise Regen und Sonne fruchtbar oder verheerend wirken – je nach der Intensität und dem Einfluß auf die Ernte. Ebenso können Krankheitsdämonen den Menschen auf ein Fehlverhalten der Lebensführung aufmerksam machen und müssen daher nicht bekämpft oder vernichtet, sondern vielmehr befragt und respektiert werden.
Rituelle Heilmethode
Vor diesem Hintergrund sind die vielfältigen Formen der heute verbreiteten synkretistischen Varianten authentischer schamanischer Heilmethoden leicht von vorgetäuschten Talmi-Imitaten zu unterscheiden. Traditionelle schamanische Praktiken versprechen nicht das Blaue vom Himmel. Sie locken nicht mit der lichten Seite des Lebens sondern konfrontieren ihre Patienten mit verdrängten Emotionen und verleugneten Schatten. Beim Schamanismus geht es nicht um den Dualismus von Gut und Böse, sondern um die Erkenntnis, dass wir alle letztlich nur „aus Schaden klug werden“ – wie das alte Sprichwort sagt.
In einer Zeit, in der wir auf die „Achse des Bösen“ eingeschworen werden und das Gute in Filmen beständig das sogenannte Böse besiegt, ist dieses schamanische Prinzip freilich schwer verdaulich und wird daher allzu gerne von einer leichter verdaulichen Kost verdrängt, die uns die komplexe relativierende Weltsicht der Schamanen als primitive Furcht vor Dämonen und Geistern verkauft.
Wer nepalesische Dhami-Jhankris (so die einheimische Bezeichnung für schamanische Heiler und Heilerinnen) befragt, welche Haltung sie als überzeugte Buddhisten oder Hinduisten zum Schamanismus haben, erhält eine verblüffend einfache Antwort: „Ich bin im alltäglichen Leben Buddhist (oder Hindu). Doch wenn ich mein Schamanengewand überstreife und zur Trommel greife, spielt meine Religion keine Rolle mehr und ich bin nur noch Schamane!“
Unabhängig von den religiösen Glaubenssätzen, denen wir individuell verpflichtet sein mögen, erscheint es daher notwendig, uns dem Phänomen Schamanismus so zu öffnen und zu nähern wie er vom Wesen her ist: Schamanismus ist keine Religion, sondern vielmehr eine seit den Anfängen der Menschheit tradierte rituelle Heilmethode, die sich empirisch an Naturbeobachtungen orientiert und auf einer kontrollierten Veränderung von Bewusstseinszuständen basiert.
[1] Ayahuasca ist ein im ganzen Amazonasgebiet verbreitetes überaus potentes Heilgetränk, das aus einer Kombination der Liane Banisteriopsis caapi und DMT-haltigen Blättern von Psychotria virides oder Diplopteris cabrerana besteht. Die visionäre Wirkung der Blätter entfaltet sich oral nur durch mengenmäßig überwiegenden Anteil der Liane, deren Harmalingehalt für die purgative und reinigende Wirkung verantwortlich ist. Die indianische Entdeckung dieser ausgeklügelten Pflanzenkombination, die ihre Wirkung nur durch eine mehrtägige sorgsame Auskochung der pflanzlichen Zusätze entfaltet, ist bis heute ein pharmakologisches Wunder.
Deine Claudia Müller-Ebeling
Claudia Müller-Ebeling studierte Kunstgeschichte und Ethnologie in Freiburg, Hamburg, Paris und Florenz. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher zu kulturhistorischen, fernöstlichen und ethnologischen Themen. Sie lebt als freischaffende Wissenschaftlerin, Referentin, Autorin und Übersetzerin in Hamburg. Seit rund 40 Jahren erforscht sie authentische schamanische Kulturen, ihre Erkenntnisse veröffentlichte sie gemeinsam mit Christian Rätsch im Buch „Schamanismus und Tantra in Nepal“.
Bild von Claudia Müller-Ebeling
