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Die Kunst des Spiegelns im Alltag

Während wir im Focusing das Spiegeln bewusst einsetzen, können wir in unseren alltäglichen Beziehungen und Begegnungen auch immer wieder bemerken, dass so manche Kommunikation / mancher Austausch verbindend wirkt, während andere Gespräche irritierend oder sogar verletzend sein können.

Lies hier den ersten Teil zu Focusing: „Heilung im Spiegel der Präsenz“.

Letzteres geschieht dann, wenn:

  • das, was du teilst, abgewertet bzw. klein gemacht wird. Dies ist in der Regel sehr schmerzlich und kann zu Ohnmachtserfahrungen bis hin zu einer tiefreichenden Resignation führen.
    Diese Art der abwertenden Kommunikation nennt sich „Unter-Spiegeln“
  • auf das, was du teilst, sehr übertrieben reagiert wird / etwas überbewertet wird im Sinne von „Du bist soo toll!“ Dieses – wie jedes – Urteil verhindert, dass wir uns wirklich wahrgenommen fühlen. Oft versucht sich das Gegenüber seinen eigenen Selbstwert über den des anderen abzuholen.
    Diese Art der Kommunikation nennt sich „Über-Spiegeln“
  • sich jemand zeigt und zum Ausdruck bringt und der andere beginnt von etwas ganz anderem zu reden, so dass es nur noch peripher mit dem Gesagten in Verbindung steht. Als Kinder fühlen wir uns in so einer Kommunikationsdynamik „verkehrt“ und „nicht geliebt“.
    Dies nennt sich „Verzerrtes Spiegeln“
  • wenn der andere mit der Aufmerksamkeit einfach nicht da ist, das Gesagte ignoriert bzw. sich mit etwas anderem beschäftigt und keinen Bezug darauf nimmt. Dies kann bei Kindern dazu führen, dass sie sich „nicht wirklich“ existent fühlen, sodass sie beginnen bestimmte Gefühle in Folge abzuspalten.
    Diese Art der Kommunikation nennt sich „Leere Spiegelung“
    (Vortrag Regina König und Hellwig Schinko, 2014)

wahr-genommen & beantwortet

So verletzend es also sein kann, nicht angemessen gespiegelt zu werden, so heilsam kann es sein, sich gesehen / gehört / wahrgenommen zu fühlen und durch die urteilsfreien Augen und Blicke / Ohren und Worte / präsente Gegenwart und achtsame Berührung gespiegelt zu erfahren. Dies ist etwas, was die wenigsten von uns als Kinder durchgängig erlebt haben.

So weist, unter anderen, auch der Entwicklungspsychologe Jens Tiedemann darauf hin, dass wir zur Entwicklung unserer Gefühle andere brauchen: „Wir kommen alle mit einem Grundmuster von Gefühlen auf die Welt – den sogenannten Primärgefühlen, die in uns allen veranlagt sind. Dass sich diese aber wirklich entwickeln können, dazu braucht es ein antwortendes Gegenüber – Mutter, Vater oder auch andere Bezugspersonen, die dem Kind seine Gefühle widerspiegeln.“ In der Säuglingsforschung nennt man Spiegeln den Prozess, wenn Eltern ihren Kindern deren Emotionszustand widerspiegeln ohne sich davon „anstecken“ zu lassen. Erst dies führt dazu, dass sich ein gesundes Gefühlsleben ausbilden kann – d.h.: Der Mensch entwickelt sich durch das Zurückspiegeln der Gefühle. Wird das Kind allerdings über einen zu langen Zeitraum nicht angemessen gespiegelt, erfährt es sich im Kontakt zu seinen Bezugspersonen als nicht wirksam. Ein nicht-empathisches Antworten des Gegenübers (also ein Unter-/ Über-/ Verzerrt- oder Leer-Gespiegelt Werden) führt zumeist zu einem inneren Rückzug, aus dem heraus sich ein „Ur-Misstrauen“ entwickelt – in der Annahme, dass andere nicht emotional verfügbar / da sind. In anderen Fällen führt es dazu, dass Kinder emotional zu dramatisieren beginnen müssen, um zumindest irgendeine Resonanz zu erfahren. (Jens Tiedemann im Interview mit Hans Groiss für das Radiokolleg „Aufeinander einlassen“ (26.8.2019)

In schwerwiegenden Fällen kann der damit verbundene Stress und daraus resultierende Bindungs-und Entwicklungstraumata ein Leben lang unsere Beziehungsfähigkeit und unser Beziehungs(er)leben beeinträchtigen und belasten. Genau diese Erkenntnisse bekannter Bindungstheorien würdigend und – unter anderem auch – auf die heilsamen Erfahrungen aus der Arbeit mit Focusing aufbauend, entwickelten Harville Hendrix und Helen Hunt einen speziellen Prozess namens Imago-Therapie.4 Auch hier steht das Spiegeln5 dessen, was uns unser Gegenüber anvertraut, ganz im Zentrum des Prozesses. Das spezielle Setting soll in gewissem Sinne die Bindungsphase repräsentieren und so den Raum eröffnen, um Beziehung ganz neu zu erfahren. Eine wunderbare Möglichkeit, um in gegenwärtigen Beziehungen – also im Hier und Jetzt – etwas zu erleben, was wir vielleicht nie in dieser Qualität als Kinder erfahren haben. Interessant ist es, in diesem Prozess zu entdecken, dass oft schon allein dadurch, dass jemand da ist und zuhört, sodass ich mich wirklich gehört fühle, das Gefühl erwächst, beantwortet zu sein. Kurzum, die Präsenz eines anderen verhilft uns zu Selbst-Erkenntnis.

Liebevolle Präsenz ist also die eigentliche Vorbedingung, sodass ein Spiegelungsprozess unterstützend und sogar heilsam erlebt werden kann. So, wie eine Gebärmutter die haltenden Umgebung und den unterstützenden Raum zu Verfügung stellt, damit sich darin Leben entwickeln kann, so können sich auch in Folge Kinder im Halt gebenden Raum liebevoller Präsenz am besten weiterentwickeln. Als gereifte Erwachsene sind wir dann eingeladen, uns auch selbst Halt zu geben, indem wir in Beziehung zu – manchmal auch herausfordernden – inneren Erfahrungen und Gefühlen präsent bleiben können. Doch gerade, weil das nicht immer leicht ist, kann uns ein Focusing-Prozess beziehungsweise eine Focusing-Partnerschaft auf diesem Weg so wunderbar unterstützen! Denn hier öffnet sich der Raum, in dem wir uns wechselseitig unsere Erfahrungen und inneren Prozesse anvertrauen und diese durch unsere Focusing-PartnerIn bezeugt und gespiegelt erfahren. Darüber hinaus wird uns aber auch unsere eigene Präsenz durch die Präsenz unseres Gegenübers gespiegelt. Und das ist auf eine sehr schlichte Weise verbindend, tiefreichend und einfach schön.

4 Die Imago-Paar-Therapie arbeitet eklektizistisch und verbindet analytisches Wissen mit Methoden der Transaktionsanalyse, der Gesprächs-, Verhaltens-, Gestalt- und systemischen Familientherapie. Der Therapeut ist als Coach des Prozesses tätig, die Heilung unerledigter Kindheitsverletzungen erfolgt durch die PartnerInnen gegenseitig in verschiedenen Prozessen, den „Imago-Dialogen“. (Stangl, 2019). Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Imago-Paar-Therapie‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. WWW: https://lexikon.stangl.eu/3580/imago-paar-therapie/ (2019-08-18)
5 Im Imago-Prozess wird auf ein wortgetreues Spiegeln Wert gelegt, um keinerlei Interpretationen Raum zu geben und zu unterstützen, dass der andere sich sicher sein kann, wirklich gehört worden zu sein.

Deine Cristina Maier

Cristina Maier ist studierte Kultur- und Sozialanthropologin, hat Ausbildungen in Systemisch-dialogischer Prozessbegleitung (Dialog-Akademie), Existentiell-spiritueller Therapie (Berliner Institut für tiefenpsychologische und existentielle Therapie), Systemischer Aufstellungsarbeit (Hannah Gaugler, Siegfried Essen), Focusing (Ruth Sar-Shalom), Somatic-Experiencing – Traumaheilung nach Peter Levine; Inspiriert durch den eigenen langjährigen Weg der Meditation, Selbsterforschung und Bewusstseinsarbeit, liebt sie es Menschen in Einzel-und Gruppenarbeit zu begleiten und heilsame Räume zu eröffnen, die Menschen verbinden und aus ihren eigenen Tiefen schöpfen lassen. 

Bild von Cristina Maier